Kritzeleien

Eine Ausnahmesituation (vgl. Agamben) kann kein Gradmesser für die richtige Digitalisierung von Schulen und Hochschulen sein. Deshalb ist die Frage, ob Schulen und Hochschulen nun richtig vorbereitet sind für "die Digitalisierung" keine geeignete Frage. Diese Frage impliziert unausgesprochen, dass es EINE Form von Digitalisierung gibt und dass sie richtig sei. Und dass die derzeitige Situation die sei, auf die wir uns selbstverständlich und richtigerweise hätten vorbereiten müssen - eine Homeschooling Situation (und nicht etwa eine, die die alltägliche Interaktion im Klassenzimmer mittels Technologien bereichert). 

Die Technologien haben sich in den letzten zwei Wochen nicht verändert. Wir müssen uns die gleichen Fragen stellen wie zuvor bezüglich Datenschutz, Governance, Regulierung und insbesondere der Formen des Lernens und der Interaktion, die wir damit unterstützen möchten. Und mit Morozov (2013): „The reason the digital debate feels so empty and toothless is simple: [it is] framed as a debate over ‘the digital’ rather than ‘the political’ and ‘the economic’.“ Wir müssen uns fragen, wie viel Governance- und Marktstrukturen wir in Schule und Hochschule haben möchten. Ob der Einsatz digitaler Technologien (oder Homeschooling) Ungleichheit ausbaut oder reduziert - ob Lernen so wieder stärker von der eigenen Herkunft abhängt. 

Es gibt nicht DIE Digitalisierung, sondern gänzlich unterschiedliche Technolgien, digitale Wissenspraktiken und Formen digitaler Beteiligung.

Kurz: digital / nicht-digital ist nicht mehr die entscheidende Differenzierung. Sondern: welche Formen von Bildung, Lernen und digitalen Wissenspraktiken wünschen wir uns? Und welche nicht? Eine emazipative oder eine anpassende? Wird auch die subversive und kreative Nutzung von datenbasierten Tools in Schule und Hochschule erlaubt und begrüsst? Oder müssen Kinder funktionieren und einem Softwaresystem folgen (vgl. Lankau im DFL am 21.03.2020), das Daten in hoher Dichte über ihr Verhalten und medizinische Kennwerte (z.B. Herzfrequenzvariabilität) generiert, speichert und analysiert sowie Verhalten vorhersagt? Oder beteiligen wir SchülerInnen und Studierende selbst an der Auswertung grosser Datenmengen (open data), weil dies eine der Wissensformen der Zukunft ist? Vermitteln wir ihnen Wissen und Wissensstrukturen die so angelegt sind als sei unsere Welt eine stabile? Oder orientieren wir uns an ihren Fragen und ihrer Kritikfähigkeit- und -bereitschaft? Behandeln wir Digitalsierung, Künstliche Intelligenz, 'Cultural Analytics' (Manovich, 2009), 'computational society' mit ihnen gemeinsam als epochaltypisches Schlüsselproblem? Arbeiten wir gemeinsam mit ihnen in Praktiken der Wissensgenerierung die anerkennen, dass wir uns in einem Zustand der kontinuierlichen Transformation von Welt befinden? Erlauben wir ihnen gemeinsam Fragen zu stellen, Daten zu sammeln, Forschungsdesigns zu entwickeln und Antworten zu finden?

Zuweilen landen jetzt Mails in meinem Posteingang: "Gibt es gute Online Tools für die Zusammenarbeit von Gruppen?". So einfach ist es nicht. Lerngruppen oder Arbeitsgruppen? Strukturierte Abläufe oder unstrukturierte? Für Forschungsprozesse oder Entwicklungsprozesse? Zur gemeinsamen Arbeit an Daten und kollabrativen Entwicklung von Datenschemata? Kommerziell oder open source? Natürlich gibt es eine Vielzahl an Tools, die eine Vielzahl an online-basierten Wissenspraktiken unterstützen. An Bildungsinstitutionen stehen diese oftmals nicht bereit. Andere wurden nicht weiterentwickelt, wie etwa FLE3 oder Visual Learning Environment, weil sie nicht in der Fläche eingesetzt wurden.

Universitäten waren sehr früh an der Netzwentwicklung, dem ARPANET und dem WWW beteiligt. Sie müssen nicht jetzt Digitalisieren, sondern haben die Digitalisierung mitentwickelt. Forschung ist heute hoch vernetzt und Wissenspratiken werden kontinierlich im Netz entwickelt. Lehre und Forschung haben sich entkoppelt. Das verweist auf ein strukturelle Fragen. Nicht auf fehlende Kompetenz Lehrender, die auch Forschene sind.

In der Covid19 Krise stellt sich auch zunehmend die Frage des (Un)Gleichgewichts bzw. Spannungsverhältnisses von Demokratie und forciertem Individualismus (& Plattformökonomie) in einer neoliberalen Ordnung. Einige Entwicklungslinien des Netzes sind zutiefst mit der Entwicklung der "New Economy" und einem forcierten Individualismus verwoben (vgl. Turner, 2016; Allert, 2019). Apps und Social Media addressieren das Individuum. Multinationale Konzerne der Plattformökonomie treten auf mit der Idee, öffentliche Aufgaben besser erledigen zu können als Demokratien. Datafizierung und Automatisierung machen diese Entwicklungen virulenter. Zunehmend werden Aufgaben automatisiert, bleiben damit aber nicht die gleichen, sondern verändern sich. Da die Regel zur Utopie wird (vgl, Gräber, 2005) und den Regelmäßigkeiten eine Regel unterstellt wird (Richter & Allert, 2016). Learning Analytics Technologien simplifizieren Lernen und können die Komplexität von Bildung auch nicht durch informatische Optimierung und höhere Datendichte adressieren. Ihre Modellierungen des Problemraums bereiten bereits die Lösungen vor, sind jedoch unterkomplex.  Ausserdem haben kommerzielle Unternehmen andere Ziele als öffentliche Bildungsinstitutionen (public good). Bildungseinrichtungen leiden unter einer Digitalisierung, die sich an Konzepten aus business analytics, precision medicine, marketing und engineering orientieren (vgl. "precision education") . Deshalb ist die Frage der Digitalisierung an öffentlichen Bildungseinrichtungen keine einfachere geworden. 

Öffentliche Bildungseinrichtugen scheinen nicht auf Unbestimmtheit und das Wegbrechen von Praktiken vorbereitet. Im schlimmsten Fall werden Regularien verschärft, sich darauf berufen und durch computational analytics, prediction and innovation/intervation "optimiert" und festgeschrieben. Mein Team sieht Digitalisierung der Lehre nicht als Broadcasting und Transport von Inhalten in neuen Schläuchen, sondern freut sich auf offene Prozesse des Forschens mit den Studierenden. Wir lernen derzeit viel. Entscheidend ist, dass bestehende Regulatien dem nicht entgegen stehen dürfen.

Wahrscheinlich ist das überhaupt die Kompetenz und Bildung der Zukunft: verantwortlich Handeln wenn alles offen bleibt ..., und Demokratie unter Unbestimmtheit zu leben.

Heidrun Allert, 22.03.2020

PS (1): Wissenschaftliche Lehre lebt vom Widerspruch der jüngeren Generation (ich glaube das ist von Schleiermacher). Wir möchten in den Vorlesungen gemeinsam nachdenken dürfen

PS (2): https://www.youtube.com/watch?v=nvEFkckDa7E

 

Allert, H. (2019). Plattformökonomie und Entstaatlichung: familienorientiert, ortsunabhängig und #freilernend. In Digitalisierung – Subjekt – Bildung. Kritische Betrachtungen der digitalen Transformation. Publisher: Barbara Budrich DOI: 10.2307/j.ctvvb7n3h.13
(auf ResearchGate)

Manovich, L. (2009). Cultural Analytics: Visualizing Cultural Patterns in the Era of "More Media." In: Domus (March 2009).

Turner, F. (2006): From Counterculture to Cyberculture. Stewart Brand, the Whole Earth  Network,  and  the  Rise  of  Digital  Utopianism.  Chicago:  The  University  of Chicago Press.