Diskurs auf dem Campus

Das Projekt „Diskurs auf dem Campus“ fand im Oktober 2013 statt. Vier Wochen lang gab es eine campusweite Ausstellung mit Interventionen, Installationen und Aktionen zum Thema Hochschullehre an der sich Lehrende und Lernende der CAU, aber auch Künstlerinnen und Künstler beteiligt haben. Ziel des Projektes war es, einen selbstbewussten, reflektierten Diskurs über Lehren und Lernen an der Universität aus der Institution selbst zu initiieren und zu führen. Die Methoden, die dabei zum Einsatz kamen – wie Cultural Probes und Interventionen – werden im Folgenden beschrieben und durch die konkreten Beispiele illustriert.

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Alltagspraktik in der Hochschule

Soziale Praktiken werden in der Universität täglich produziert und reproduziert. Handlungswirksam werden dabei Perspektiven, Visionen, Werte, Ansprüche und Erwartungen, die in diese Praktiken eingebettet sind und zu großen Teilen latent, schwer in Worte fassbar und meistens unausgesprochen bleiben.

Wie aber kann man Haltungen und Praktiken, die im Sinne eines „Doing University“, das Gesicht der Universität als Institution prägen, für die Beteiligten sichtbar machen, sodass sie jene selbstbestimmt reflektieren und gemeinsam gestalten können? Diese Frage stellten sich die InitiatorInnen des Projektes „Diskurs auf dem Campus“ und entwickelten, angeregt von Strömungen, wie z.B. der ästhetischen Forschung ein mehrteiliges Ausstellungskonzept. Mit verschiedenen Formen und Methoden der Exploration und Intervention, mittels künstlerisch-ethnographischer Untersuchungsmethoden wie Cultural Probes sowie Interventionen konnte die Reflexion und Artikulation verschiedener Visionen, Werte, Ansprüche und Erwartungen bezüglich universitären Lehrens und Lernens im Rahmen des Projektes „Diskurs auf dem Campus“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sichtbar gemacht, in den hochschulöffentlichen Raum gebracht und diskutierbar gemacht werden, um schließlich neue Perspektiven entwickeln zu können und zu ermöglichen, diese in die zukünftige Gestaltung der Universität, ihre Interaktionen und Praktiken einzubringen.

Das Projekt eröffnet neue, praktik-orientierte Perspektiven auf die Gestaltung universitärer Alltagskultur und Hochschulentwicklung im Sinne von „Doing Universität“. Es bietet Inspirationen und Anregungen den angestrebten Diskurs über Lehre und Lernen an Hochschulen in einer breiteren Öffentlichkeit weiterzuführen und fordert Fragen und Positionen zur Universität als Institution in der Gesellschaft, über Studium als Lebensphase, über die Zukunft des Lernens und Lehrens heraus, lädt zur Reflexion eigener Praktiken und zum Diskurs über Positionen, Werte und Haltungen ein.

 

Werkstattbericht

Das Projekt „Diskurs auf dem Campus“ fand im Oktober 2013 statt. 4 Wochen lang gab es eine campusweite Ausstellung mit Interventionen, Installationen und Aktionen zum Thema Hochschullehre an der sich Lehrende und Lernende der CAU, aber auch Künstlerinnen und Künstler beteiligt haben. Ziel des Projektes war es, einen selbstbewussten, reflektierten Diskurs aus der Institution Universität selbst zu initiieren. Die Ausstellungsbeiträge sollten dazu auf vielfältige Weise anregen – einerseits, indem sie selbst zum Handeln einluden, andererseits, weil sie das Nachdenken und Reflektieren herausforderten.

Die Idee der Projektinitiatoren sah es vor, dass die Beiträge, die die Grundlage und den Anlass zum Diskurs darstellen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus und mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten entwickelt und gestaltet sein sollten. In der Entwicklungsphase entstand so ein 3-teilges Konzept, das vorsah, dass verschiedene Methoden zur Anwendung kamen. Der erste Baustein des Projektes war die Anwendung von Cultural Probes[1], bei der zufällig ausgewählten Lehrenden der Hochschule Probe Kits ausgehändigt wurden, die sie zu verschiedenen Aspekten der Hochschule, Lernen und Lehren, bearbeiten konnten. Die verschiedenen Ergebnisse, u.a. in Form von Fotoalben, Postkarten, Artefakten usw. stellten den einen Teil der Beiträge zur Ausstellung, auf die die Betrachter und Ausstellungsbesucher – egal ob Lehrende/r, Studierende/r oder Mitarbeitende/r – Antworten, Entgegnungen in gleich gestalteter Weise formulieren durften. Außerdem wurden die Cultural Probes und ihre Ergebnisse externen Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt, die durch sie inspiriert werden sollten, eigene Beiträge zum Projekt, zur Ausstellung zu finden. Die Einladung zweier externer Persönlichkeiten stellt den zweiten Teil des Projektes dar. Der Wiener Wissenschaftler, Dozent und Aktionskünstler Thomas Duschlbauer führte in diesem Rahmen eine performative Skulptur durch, die Berliner Künstlerin Sigrun Drapatz verfolgte sieben Personen der Hochschule – Professor/innen, Dozent/innen und Studierende – in der Manier des Shadowing jeweils einen Tag lang und erstellte aus ihren Notizen und Berichten Hörstationen, die im Vorraum der Fachbibliothek Anglistik/Romanistik installiert wurden und ein“hör“bar waren. Der dritte Baustein des Projektes waren Interventionen, die vom Projektteam entwickelt und durchgeführt wurden. Im Gegensatz zu den Beiträgen der Cultural Probes, die den Diskurs durch einen wertschätzenden Umgang anregen sollten, durften die Interventionen provokant und „pieksig“ sein. Durch verschiedene ästhetisch-künstlerische Verfahren wurde die alltägliche (Universitäts-) Kultur auf die Spitze getrieben, sichtbar und somit hinterfragbar gemacht. Bei der konzeptionellen Entwicklung der Interventionen waren folgende Fragestellungen relevant: Welche Kultur soll sichtbar gemacht werden? Mit dieser Frage sollte ausgeschlossen werden, dass willkürliche und beliebige Aktionen ins Leben gerufen wurden, sondern dass man bewusst diejenigen kulturellen Ausformungen wählte, die zu hinterfragen von unserem Team als lohnend angesehen wurden. Während der Entwicklungsphase der Interventionen wurde deswegen viel diskutiert.

Organonmodell_Diskurs auf dem Campus

Die nächste Frage war die nach der Art und Weise der Sichtbarmachung. Hier sollte sowohl die Frage nach der Darstellungsform bzw. des Formates geklärt werden, als auch die nach der Art und Weise der künstlerischen/ästhetischen Strategie, z.B. mit welchen ästhetischen Mitteln die Kultur hervorgehoben und somit wahrnehmbar gemacht werden sollte. Die dritte Frage war die nach dem Beitrag, den die Intervention durch ihre Ausgestaltung und thematische Bezogenheit zum Diskurs leisten sollte. Die letzte Frage sollte dem Bauen von Luftschlössern vorgreifen und eine konkrete Umsetzbarkeit und Praktikabilität einfordern. Neben z.B. einem Leitfaden zum outputorientierten Studium in Gestalt eines Flyers, der auf dem Campus verteilt wurde, und einem Fotoband über die Hörsäle der CAU, der in verschiedenen Hörsälen ausgelegt und auf den Bildschirmen des Studentenwerks in beiden Mensen ausgestrahlt wurde, fand als Eröffnungsaktion der gesamten Ausstellung eine Performance statt, die Zentrale ECTS-Ausgabestelle. Diese soll, als Beispiel für die verschiedenen Interventionen, die im Rahmen des Projektes stattgefunden haben, im Folgenden näher beschrieben werden.

 

Die Zentrale ECTS-Ausgabestelle

Mittwoch, 30.10.2013, 11:45 Uhr bis 14:15 Uhr, in den beiden seit vielen Jahren unbenutzten Schaltern des Studierendenservice im Foyer der Universitätshochhauses – also dem zentralen Ort  der CAU Kiel - tut sich etwas. Klappernd werden die Rollläden hochgezogen, zwei Mitarbeiter der ECTS-Ausgabestelle beginnen ihren Dienst. Solange noch keine Studierenden anstehen, widmen sie sich anderen Aufgaben, die Dame an Schalter 1 ordnet Formulare, der Herr an Schalter 2 poliert die bunten ECTS-Punkte, die vor ihm in mehreren Goldfischgläsern lagern. Auf der breiten Auslage am Schalter liegen Broschüren usw. In einem Text  steht etwas über den Selbstbildungstrieb, in einem Katalog sind Hörsäle abgebildet. Gegenüber, im Foyer des Audimax zum gleichen Zeitpunkt: Eine große Tafel verkündet: „Die ECTS-Ausgabestelle ist geöffnet – Nur heute – holt euch eure ECTS-Punkte und studiert ab dann sorgenfrei!“

ECTS-Ausgabestelle

 

 

Die ersten Studierenden suchen die ECTS-Ausgabestelle auf, stellen sich ordentlich an und warten, bis sie an der Reihe sind. Es wird der Diskretionsabstand eingehalten. Ein Formular wird ausgehändigt, vorne an den PC-Tischen könne man es ausfüllen. „Antrag auf leistungsentkoppelte ECTS-Punkte“ heißt es da und „Sie haben in Form dieses Antrages die Möglichkeit für ein persönliches Engagement Ihrer Wahl im Voraus ECTS-Punkte zu erhalten. Wir bitten Sie, diese Möglichkeit wahrzunehmen.“ Wie jetzt? Fassungslosigkeit, Unverständnis. Man muss noch einmal zum Schalter zurück und genauer nachfragen. An Schalter zwei wird man gestisch zum Nachbarschalter verwiesen, hier nur ECTS-Ausgabe. Die Dame an Schalter eins erklärt freundlich, man dürfe für ein persönliches Engagement jetzt und hier ECTS-Punkte beantragen, die einem sofort und bedingungslos ausgehändigt würden. Aber es müsse etwas sein, das einem wirklich wichtig sei, das man dringend benötigte oder das einem am Herzen läge. Dies zu prüfen, dafür sei sie zuständig. Hier ein möglicher Dialog an Schalter 1: AntragsstellerIn: „Ich möchte gerne Gottfried Kellers Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ lesen!“ Nachfrage der Dame: „Ist es wirklich das, was Sie möchten?“ – „Ja!“ – „Ist es wirklich wichtig für Sie? Etwas, bei dem Sie das unbedingte Bedürfnis haben sich dafür zu engagieren? Ist es das wichtigste, das Sie sich im Moment vorstellen können zu tun?“ Die Dame an Schalter eins sagt dies immer wieder, wie ein Mantra. Ist es wirklich wichtig? Und wenn nicht, was ist denn wichtiger? „Hm. Ja, schon. Aber wenn ich es recht bedenke, würde ich beim Lesen immer von meinem Berg von Abwasch abgelenkt werden. Und von meiner unordentlichen Wohnung. Ich glaube, bevor ich das Buch lesen kann, muss ich erstmal abwaschen, aufräumen. Ja eigentlich sollte ich vielleicht auch neu tapezieren.“ – „Okay“ entgegnet da die Dame, „Dann schreiben Sie DAS auf!“Aufgeschrieben, 5 ECTS-Punkte dafür beantragt. Die Dame am Schalter genehmigt den Antrag, gibt ihm einen Eingangsstempel und erhöht die beantragten Punkte um 15. 20 ECTS-Punkte also fürs Abwaschen und Aufräumen. Zum Beispiel. Nach der Genehmigung des Antrages an Schalter eins, folgt das Anstehen in der Warteschlange von Schalter zwei. Der Herr nimmt wortlos das Formular, liest sich alles gewissenhaft durch. Er füllt ein weiteres Feld aus, stempelt mit einem großen, lauten Stempel, unterschreibt. Manchmal erhöht er auch noch einmal die Punktzahl. Dann werden zwei oder mehr bunte Bällchen aus dem Glasbehälter entnommen und die entsprechende Punktzahl darauf geschrieben. Zum Beispiel zweimal 10 ECTS-Punkte. Die Bälle werden durch die Lücke der Schalterglasscheibe gerollt. Es folgt eine wortlose aber nicht unfreundliche Verabschiedung. Übrigens ist es möglich einen Folgeantrag zu stellen.

 

 

 

 

 

 


[1] Vgl. Mattelmäki, Tuuli (2006). Design Probes. Publication Series of the University of Art and Design Helsinki (www.uiah.fi/publications).